Die Sammlung Europa

N.N.

Ein Museum der Weltkulturen kann heute nicht mehr existieren ohne eine Abteilung Europa. In einer Stadt wie Frankfurt am Main mit ihren weltweiten Verflechtungen sieht das Museum der Weltkulturen eine wichtige Aufgabe darin, mit seinen Mitteln die vielfältigen Beziehungen zwischen den Kontinenten erkennbar werden zu lassen und zu sensibilisieren für die gemeinsame Verantwortung, auf die im aufgeklärten Eigeninteresse Rücksicht zu nehmen ist.

Kulturprozesse sind weltweit miteinander verwoben - nicht erst in der Gegenwart, aber derzeit stärker als je zuvor. Die Methoden zur Darstellung und Analyse von lebendigen und sich wandelnden Kulturen ähneln sich unabhängig von dem Kontinent, auf dem diese Kulturen wirken. Aber eine Abteilung Europa wird diesen Kontinent nicht auf gleiche Weise zum Thema machen können wie andere Abteilungen dies mit den jeweiligen Kontinenten tun. Es gibt Spezialmuseen zu den verschiedensten Sparten der europäischen (eigenen) Kultur – zu Kunst, Geschichte, traditionelle Volkskultur, Alltagskultur. Mit ihnen kann eine kleine Abteilung Europa in diesem Museum nicht konkurrieren.

Aufgabe der Abteilung Europa ist daher erstens Verbindungs- und Kontaktstelle zu sein zu den kulturhistorischen und volkskundlichen Museen und Sammlungen sowie den einschlägigen wissenschaftlichen Diskursen der auf Europa bezogenen Kulturwissenschaften. In all den Fällen, in denen europäische Themen zusammen mit solchen aus anderen Kulturen zum Gegenstand der Museumstätigkeit werden, stellt die Abteilung Europa die entsprechenden Bezüge her.

Zweitens schließlich, und das entspricht den Traditionen der Ethnologischen Museen, gibt es in der Abteilung Europa eine kleine Sammlung von Objekten zu marginalisierten ethnischen Gruppen wie den Samen Skandinaviens und zu europäischen Sinti und Roma.

Drittens legt die Abteilung Europa einen Schwerpunkt auf kulturelle Nord-Süd-Beziehungen. Dazu gehört ein im Ausbau befindliches Sammelprogramm „Dinge, die nur aus der Begegnung von Nord und Süd hervorgehen konnten“. Aus der Gleichzeitigkeit hochkomplexer Industriegesellschaften und vorindustrieller Lebensformen außerhalb Europas und aus deren Begegnungen in Handel, (Neo-)Kolonialismus, Krieg, Tourismus, Kommunikation, Entwicklungspolitik gehen Produkte und Produktlinien hervor, deren Dokumentation Aufschluss über Kulturprozesse gibt und für deren Dynamik sensibilisiert. Besonders bemüht sich die Abteilung Europa darum, inhaltliche Kompetenz zu Fragen kultureller Prozesse im Rahmen der Globalisierung zu entwickeln. Themen wie Kultur und Entwicklung, Dialog der Kulturen, kulturelle Komponenten der Politik von Nachhaltigkeit, Friedenssicherung und Zukunftsfähigkeit gehören zu dem, womit die Abteilung Europa sich beschäftigt.

Seit der Pensionierung des bisherigen Stelleninhabers im Sommer 2007 konnte die Europa-Stelle leider nicht wieder besetzt werden. Der Ausbau der Europa-Sammlung sowie andere regionalspezifische Museumstätigkeiten mussten daher bis auf weiteres eingestellt werden.