Die Sammlung Afrika

Dr. Christine Stelzig

Die historischen Bestände der Afrika-Sammlung setzen sich aus mehreren unterschiedlichen Sammlungskomplexen zusammen. Ein kleiner Teil gehörte einst zu den Sammlungen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, die 1817 in Frankfurt am Main gegründet wurde und neben Naturalien auch ethnographische Objekte aus aller Welt sammelte. Zahlreiche Objekte erwarb das Museum zudem von zwei weiteren Gesellschaften, wie sie für das 19. Jahrhundert typisch waren, die Anthropologische und die Colonial-Gesellschaft. Von Anfang an legte das Museum darüber hinaus eigene Sammlungen an, die von den unterschiedlichsten Personen (Missionare, Kolonialbeamte, Diplomaten, Kaufleute, Ärzte, Botaniker, Zoologen), aber auch explizit ausgesandten Forschungsreisenden zusammengetragen wurden.
So bereiste Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg von 1910 bis 1911 die Grenzgebiete der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, 1927/28 erwarben die Brüder Fritz und Wilhelm Jaspert eine kleine, wertvolle Sammlung von verschiedenen Ethnien Mittel-Angolas und in den 1930er Jahren sammelte der Arzt Hans Himmelheber mehrere bedeutende Objekte von der Côte d´Ivoire. Und nicht zuletzt erhielt die Sammlung Objekte aus dem Afrika-Archiv von Leo Frobenius, als dieser 1935 zum Direktor des Museums ernannt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein umfangreicher Teil der Afrika-Sammlung, vor allem im Bereich der Großskulpturen, vernichtet. Heute umfasst die ethnographische Sammlung noch etwa 14000 Objekte der Kunst und Kultur afrikanischer Völker. Die geographischen Schwerpunkte der ethnographischen Sammlung liegen im Bereich Zentralafrika (Angola, Dem. Republik Kongo, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Rwanda) sowie Nordost- und Ostafrika (Äthiopien, Sudan, Somalia, Uganda, Kenia, Tanzania). Historisch bedeutsame Objekte sind aus Nigeria und Südafrika zu verzeichnen.

koenigsthron
Foto: Stephan Beckers
Königsthron Kom, Kamerun, 19. Jhd, Holz, Kupferblech u. Kupfernägel, Glasperlen, Humanhaar, Pflanzenfasern, Rotholzpulver, H 175 cm,

Diese menschengestaltige, nahezu lebensgroße männliche Figur stammt aus Kom, einem Königtum im Kameruner Grasland. Sie gelangte 1904 durch den Missionar Reinhold Rohde in die Sammlung des Hauses und stellt eines der wertvollsten Objekte des Museums dar.
Solche Figurenthrone sollen nicht an bestimmte Herrscherpersönlichkeiten erinnern, sondern vielmehr Idealfiguren eines Königs darstellen, die die Kontinuität der königlichen Dynastie und ihrer Macht symbolisieren. Jedoch darf sich niemand – auch nicht der König – auf die vorgelagerte Sitzfläche setzen, denn diese gehört allein den Figuren. Die Throne waren bedeutende Kultobjekte, die vor allem bei der Zeremonie des neu zu inthronisierenden Königs eingesetzt wurden, wenn dieser sich nach einer einjährigen Seklusionszeit im Palast erstmals der Öffentlichkeit präsentierte.

Bronzeobjekte aus dem ehemaligen Königreich Benin (Nigeria) gehören zu den wertvollsten und begehrtesten Werken afrikanischer Kunst, die ältesten Beispiele können auf das 15. Jahrhundert datiert werden. Im Februar 1897 anlässlich einer Strafexpedition der Briten gegen den damaligen Herrscher Benins, Oba Ovoranmwem, „entdeckt“, gelangten etwa 3000 Gegenstände aus Bronze, Holz und Elfenbein nach England, wo sie zur nachträglichen Finanzierung des Unternehmens versteigert wurden.

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Foto: Gisela Simrock
Reliefplatte, Königreich Benin, Nigeria, 16./17. Jahrhundert, Bronze, 48 x 34 cm

Die Objekte sorgten für enormes Aufsehen und brachten die ethnologische Fachwelt in große Erklärungsnöte: Viele der Metallobjekte sind technisch von einer herausragenden Qualität, die z.B. mühelos mit den Werken des Renaissancekünstlers Benvenuto Cellini (1500–1571) Schritt halten können und weisen einen naturalistischen bzw. idealisierenden Stil auf. Dieser aber ist für die traditionelle Kunst Afrikas eher untypisch. Lange Zeit sprach man den Bronzen den indigenen „afrikanischen Ursprung“ ab und vermutete ihre Schöpfer stattdessen u. a. in Portugiesen, die bereits Ende des 15. Jahrhunderts in das Königreich Benin gelangt waren. Die hier vorgestellte Reliefplatte, die als Architekturelement zur Schmückung des königlichen Palastes gedient hat, zeigt einen hohen Würdenträger.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht erstreckte sich das Königreich der Ashanti zu Beginn des 19. Jahrhunderts über das Staatsgebiet der heutigen Republik Ghana sowie angrenzende Teile der Republiken Togo und Côte d´Ivoire. Zu den wertvollsten Prestigeobjekten der königlichen Haushalte gehörten geschnitzte Hocker, die ein großes Formenspektrum umfassen: Jeder König der Ashanti war bestrebt, einen Hocker mit einer neuen Gestaltung sein eigen zu nennen.

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Foto: Stephan Beckers
Hocker, Ashanti, Ghana, vor 1838, Holz, Eisen, ca. 30 x 46 cm,

Das Museum der Weltkulturen kann ein solches Prestigeobjekt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in seinen Sammlungen verzeichnen und damit eines der ältesten bekannten Beispiele dieser Hocker aufweisen. Am 22. Dezember 1838 wurde der Hocker von einem Herrn Degen, wohnhaft in Rio de Janeiro, der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft geschenkt. Dem Muster zufolge handelt es sich um einen Frauenhocker, den die Braut bei der Heirat von ihrem Mann geschenkt bekam.
Die ethnographische Sammlung wird seit 1974 ergänzt durch Werke zeitgenössischer Kunst, die mittlerweile etwa 2800 Beispiele umfassen und damit den größten Komplex dieser Sammelkategorie in den Völkerkundemuseen des deutschsprachigen Raumes darstellen. Beispielhaft seien hier die Arbeiten von Hassan Musa und Ransome Stanley genannt.

N.S. 66143
Hassan Musa, Frankreich, "Vous êtes la plus belle ici mais Blanche Neiges qui es dans la bocaux du Musée de i`Homme est plus belle", Malerei , Textil
N.S. 66271
Ransome Stanley, Deutschlan, "Tumulte Noir II", Gemälde, Öl-Pigmente-Sand auf Leinwand, 200 cm x 260 cm, 2006

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